Stadtkirche - Geschichte Teil 1

Der 1268 als "ecclesia Sanctae Mariae", 1345 als "unserer frowen Kapelle in der stat", 1464 als "capella Mariae Virginis" erwähnte Bau lag, wie die Ausgrabungen dies ergaben, nicht südlich, sondern an der gleichen Stelle wie das heutige Gotteshaus. Das 14. und 15. Jahrhundert war die Blütezeit deutschen Städtewesens und freiheitlich gesinnten Bürgertums; so ist es kein Wunder, dass die Bürgerschaft der Stadt eine repräsentative Kirche wünschte; diesem Wunsch kamen auch die Speyrer Bischöfe entgegen. Daher begann man unter der Regierung des Bischofs Reinhard von Helmstadt und seines Vogtes Wiprecht von Helmstadt mit dem Bau einer größeren Pfarrkirche, jener, auf deren Fundamenten die heutige Kirche noch steht.

Außenansicht Stadtkirche

Am 27. Mai 1447 wurde der Grundstein zum Chor gelegt, wovon die beiden wichtigen Inschriften an einem der dem Markt zugewandten Chorpfeiler Zeugnis geben. Sie lauten in deutscher übersetzung "Im Jahr der allerheiligsten Menschwerdung des Herrn 1447, samstags am 27. Mai, ist der Chor begonnen worden unter dem hochwürdigen Herrn Reinhard, Bischof von Speyer, und Wiprecht von Helmstadt, seinem Vogte." Die zweite Inschrift nennt Meister Lorenz als Architekten. "Wisset, der Erbauer dieses Bauwerkes war Meister Lorenz." Der Chor war als großer Bau geplant, mit einer Innenweite von 10,4 auf 17,5 Meter und einer Höhe von 14 Metern. Der in fünf Seiten eines Achtecks schließende, von einem niedrigen Sockel umgebene Bau wird von sieben Strebepfeilern mit fialenartiger Bekrönung gestützt, die die Aufgabe haben, das spätgotische Gewölbe, das in seiner ursprünglichen Schönheit wiedererstanden ist, zu tragen. In Höhe der Fensterbank läuft ein einfaches, aber kräftiges Gesims um.

Gotische Madonna

Am nordöstlichen Chorpfeiler, über dem Gesims und den beiden oben zitierten Inschriften steht unter einem zierlichen Baldachin auf gotischer Konsole eine bedeutende Steinhauerarbeit des 15. Jahrhunderts, eine Muttergottes mit dem Jesusknaben vom Typus der sogenannten "Schönen Madonnen", die einzige Plastik der Kirche, die den Angriff vom 1. März 1945 überdauert hat.

Die Halbsäulen mit den das Gewölbe tragenden Diensten im Innern des Chores gehen auf den Bau von 1447 zurück und stützen mit den äußeren Pfeilern heute wieder das erneuerte gotische Gewölbe, dienen also wieder ihrem ursprünglichen Zweck. Den Chor selbst überdeckt ein gotisches Steildach, zu erreichen durch ein schlankes Treppentürmchen und bekrönt mit einem Dachreiter.

Nach der Fertigstellung des Chores ruhte ein Menschenalter lang der Bau, wahrscheinlich wegen Geldmangels. So sind das Langhaus und der Turm erst unter der Regierung Ludwigs von Helmstadt (1478 bis 1504) in Angriff genommen worden. Er erließ die Bestimmung, dass jeder Handwerker, der sich in Bruchsal niederließ, einen halben Goldgulden zum Bau beisteuere. Das Langhaus mit seinen beiden Seitenschiffen wurde in wesentlich kleineren Maßen erbaut als der Chor, das Mittelschiff weist nur 7,6 Meter, die Seitenschiffe nur knapp 4 Meter Breite auf, die Länge der drei Schiffe, durch zwei einfache Pfeilerreihen getrennt, beträgt etwa 29 Meter. Diese Pfeiler trugen die Wände des überhöhten Mittelschiffes; die Rippen des gotischen Gewölbes ruhten auf Konsolen, in den Seitenschiffen verzichtete man auf diese. Indem man die Strebepfeiler nach spätgotischer Gewohnheit in das Innere des Kirchenraumes einbezog, gewann man auf diese Weise im Innern zwischen den Strebepfeilern auf jeder Seite fünf Nischen, in denen man die zwei Seitenportale und Nebenaltäre unterbrachte.

Da das Mittelschiff weder die Breite noch die Höhe des Chores erreichte, überbrückte man diesen konstruktiven Mangel mit Auszwickelungen, die den Gewölbeschub des Mittelschiffes auf die Außenwände des Chores übertrugen. So wirkte das Innere des Langhauses schön, weil die Pfeiler der Schiffe und die einbezogenen Nischen ein abwechslungsreiches Bild boten. Der äußere Anblick stellte sich einfach dar. Hier fielen die verhältnismäßig niedrigen und glatten Wände der Seitenschiffe und das gewaltige Satteldach auf, das alle drei Schiffe überdeckte. Der Turm erhebt sich auf quadratischem Grundriss und geht in Dachhöhe in ein Achteck über. Im Spätmittelalter umlief eine reiche Galerie in Maßwerk die Bekrönung, darüber erhob sich ein schlanker Helm.

Nach den Verzeichnissen des 16. Jahrhunderts muss die Kirche einst reich ausgestattet gewesen sein. Zeuge dafür war die bis 1945 erhaltene Kanzel, eine schöne, gotische Steinhauerarbeit. Es werden ein Sakramentshäuschen und mehrere Altäre erwähnt, darunter der Hochaltar im Chor, der Pfarraltar, wo Chor und Langhaus zusammentreffen, und außerdem noch drei Seitenaltäre, darunter ein Kreuzaltar. Diese Altäre muss man sich als gotische Flügelaltäre vorstellen; sie sind bei dem Brand von 1676 zugrunde gegangen.

Aus der Zeit der Renaissance stammen ein Cruzifixus an der äußeren Nordwand der Kirche und einige gut gearbeitete Reliefs im Kircheninnern, Epitaphien von Stiftsherren. Der Cruzifixus zeigt die im 16. Jahrhundert übliche Darstellung des Kreuzestodes; der Heiland hat im Verscheiden leicht das Haupt zur Seite geneigt, die Züge tragen eine wehmütige Ergebung. Leider ist dieser Cruzifixus noch vor dem Angriff 1945 durch Witterungseinflüsse schwer beschädigt worden.

Pfarrkirche für Bruchsal blieb nach wie vor die Peterskirche, doch war die Kirche mit Benefizien ausgestattet (1468), von denen mehrere, da sie zu wenig dotiert schienen, bald zusammengelegt wurden. Vor 1468 wurde an Sonn- und Feiertagen und an den Marienfesten vom Pfarrer oder einem seiner beiden Kapläne die heilige Messe gesungen. Nach 1468 sollte wenigstens an 160 Tagen im Jahr Gottesdienst gehalten werden, wie es in einer kirchlichen Stiftung des Ritters Peter von Talheim heißt. Dieselbe Urkunde legt auch fest, dass dieser Adlige in der Liebfrauenkirche vor dem Altar der Hl. Dreifaltigkeit begraben sein wollte; seine Stiftung betrug 1700 Gulden.

In der Praxis mag sich die Gottesdienstordnung so ausgewirkt haben, dass die Liebfrauenkirche zur Pfarrkirche für die ummauerte Stadt wurde, während die Peterskirche hauptsächlich Pfarrkirche der beiden Vorstädte, der Heidelsheimer und Grombacher Vorstadt, blieb. Eine einschneidende änderung, die in den späteren Jahrhunderten viel Streit hervorrufen sollte, trat ein, als Bischof Philipp I. von Speyer (1504 bis 1513) dem freien Ritterstift Odenheim die Liebfrauenkirche zu Bruchsal "frei und voll" übertrug, so dass "Pfarrer und Magistrat von Bruchsal ihre Verwaltung nicht mehr haben", jedoch mit der Einschränkung, dass "die übrigen Pfarrechte, welche der Pfarrer in genannter Kirche hatte, durch die Bischöfe von Speyer geordnet werden sollen, 21. Mai 1507."

Schon der Wortlaut dieser Urkunde zeigt, wie unklar die Bestimmungen über die Rechte des Ritterstiftes Odenheim einerseits, des Pfarrers und der Bürgerschaft Bruchsals andererseits an der Liebfrauenkirche getroffen waren. Die Kirche selbst erhielt jetzt den Rang einer Ritterstiftskirche. Den Gottesdienst besorgten 12 Stiftsherren, von denen 10 dem Adel angehören sollten. Die restlichen zwei sollten Doktoren des kanonischen und römischen Rechts sein, sie waren gewöhnlich bürgerlicher Herkunft. Außer dem täglich gesungenen Amt waren die Kanoniker auch zu den Stundengebeten, wie sie heute noch in Benediktinerklöstern üblich sind, verpflichtet. Für den Chordienst bedurfte man geschulter Ministranten, die in der ebenfalls 1507 von Odenheim nach Bruchsal verlegten Lateinschule ausgebildet wurden.

Zu den Stiftsherren gehörte auch der Prädikator, der Prediger, gewöhnlich Doktor des weltlichen Rechts und bürgerlicher Herkunft, der gehalten war, an Sonntagen und in der Fastenzeit zu predigen. Am 25. Mai zogen die Odenheimer Stiftsherren in feierlicher Prozession in die Liebfrauenkirche ein, begrüßt vom Bischof und der Bruchsaler Geistlichkeit. Der Vorgang wurde im Jahr 1914 von dem Kunstmaler Mario Kitschker im Chor bildlich dargestellt. Auch diese beiden Fresken sind dem Angriff zum Opfer gefallen. Mit der Übernahme der Liebfrauenkirche verpflichteten sich die Stiftsherren zum Unterhalt des Baus und seiner Inneneinrichtung, wodurch die Stadt entlastet wurde. Die Verlegung der Lateinschule in die Stadt erwies sich zwar als vorteilhaft, aber die Hoffnung des Bischofs auf einen würdigeren Gottesdienst ging nur zum Teil in Erfüllung, denn die adeligen Herren, die teilweise nur die niederen Weihen besaßen, kümmerten sich nicht so, wie sie sollten, um ihre geistliche Obliegenheiten und waren oft nur schwer zum Gehorsam gegen den Bischof zu bewegen, zumal die Reformation sich auch im Bistum Speyer bemerkbar machte. Auch waren die Ratsherren und Bürger der Stadt Bruchsal darüber verstimmt, dass ihnen der Chor der Kirche entzogen war und dass die Stiftsherren den Pfarrgottesdienst im Langhaus nicht unterstützten, vielmehr auch das Langhaus und damit die ganze Kirche in ihren Besitz bringen wollten.

Diesen offenkundigen Missstand suchte der Bischof Eberhard von Dienheim (1581 bis 1610) du bis durch eine Entscheidung 1590 zu beseitigen, indem er für die Kirche den Magister Martin Chylenus als Pfarrherrn einsetzte. Damit ist das Jahr 1590 der Beginn der eigentlichen Stadtpfarrei. Die endgültige Teilung Bruchsals in zwei Pfarreien war jetzt auch rechtlich vollzogen. Diese Stadtpfarrei umfasste die eigentliche, ummauerte Stadt nördlich der Saalbach.


Der Pfarraltar, dem heiligen Kreuz geweiht, stand unter dem Chorbogen, der Chor selbst blieb weiterhin den Stiftsherren vorbehalten. Gegen diese Entscheidung Eberhards protestierten die Ritter und drohten, die Kirche nach ihrem Gottesdienst abzuschließen, wogegen der Bischof 1593 befahl, "der Vogt solle mit etlichen Bürgern, ohne bewaffnet zu sein, die Kirche offen halten und dem Pfarrer an die Hand gehen". So scheiterte der Protest der Stiftsherren, der Pfarrer blieb weiterhin im Besitz des Langhauses, aber Ritterstift und Pfarrei standen sich voller Spannung gegenüber. Diese inneren Streitigkeiten sollten verblassen vor dem Elend, das im 17. Jahrhundert über die Stadt hereinbrach.

Als sich zu Beginn des Jahrhunderts die protestantische und katholische Partei waffengerüstet gegenüberstanden, bedurfte es nur eines geringen Anlasses, um den Krieg ausbrechen zu lassen, der in der Geschichte als einer der längsten und fürchterlichsten bekannt ist. Da der Bischof Philipp von Sötern, von allen Seiten von protestantischen Mächten bedroht, zu seinem Schutz die starke Festung Philippsburg anlegte, spielte sich das Kriegsgeschehen hauptsächlich im Kraichgau ab. Für die Bevölkerung (Bruchsal zählte um 1600 etwa 1000 Bürger, was einer Einwohnerzahl von 4000 bis 5000 entsprechen mag) begann eine lange Zeit der Leiden.

Die Stadt wechselte öfter ihren Herrn, sie sah die Pfälzer, die Kaiserlichen, die Schweden und Franzosen in ihren Mauern. Der größte Teil der Bevölkerung ging in den Kriegsnöten zugrunde. Die Stadtkirche als Bau scheint die schreckliche Zeit ziemlich unversehrt überstanden zu haben; aber die Stadt war schwer heimgesucht, was schon daraus hervorgeht, dass 1649 wieder ein Pfarrer beide Bruchsaler Pfarreien versah.

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